27. Die Zeitenwächter
Merlin spürte den Ruck, als das Floß auf den Sand aufstieß. Der Fremde machte eine ausladende Handbewegung, und Merlin verstand. Er sprach erneut die Zauberformel und Leeana erhob sich in seine Hände. Nun trug er sie vom Floß herunter, und wollte sich umdrehen, um den Fremden zu fragen, ob dieser wusste, wie es denn nun für ihn weiter gehen sollte; doch dieser war bereits seinen Blicken entschwunden. Wie dieser es so schnell geschafft hatte, sich zu entfernen, wusste Merlin nicht, doch es war eben so. Er war fort.
Langsam lief er, mit Leeana in seinen Händen, weiter. Die Gegend, in der er nun war, war nicht so neblig, wie die, aus der er gekommen war. Auch hier gab es Berge, doch sie machten einen älteren, und noch geheimnisvolleren Eindruck auf ihn, als die, die er hinter sich gelassen hatte. Sie schienen aus einer ganz anderen Zeitebene zu sein; einer Zeit, die er nicht kannte. Wo war er hier nur?
Auch hier lief er einfach einem Gefühl nach. Er trug Leeana, und dank seiner Zauberkraft fiel es ihm auch nicht schwer. Er spürte sie kaum, Und doch konnte er langsam an ihren Gesichtszügen erkennen, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Sie fielen immer mehr in sich zusammen, er musste es schaffen, sie wieder zu erwecken, bevor der Verwesungsprozess begann!
Plötzlich spürte er eine Kraft vor sich, die ihn nicht weiter laufen ließ. Er prallte geradewegs gegen etwas, und zuerst dachte er, dass es wieder der Wind wäre, der sich gegen ihn verschworen hätte. Doch instinktiv wusste er, dass es nicht der Wind war.
Langsam sah er nach vorne. Er war, ohne es wirklich zu merken, an einem riesigen Tor angelangt. Ein Tor, das aus Ranken zu bestehen schien, Blütenranken und mehreren Wurzeln, die ineinander verharkt waren. Merlin war verwirrt. Er versuchte weiterhin, vorwärts zu gehen, doch es hatte keinen Sinn. Dann wollte er rückwärts treten, um einen anderen Weg zu finden, doch auch dies war nicht mehr möglich. Merlin merkte mit Schrecken, dass er gefangen war. Langsam sah er sich das Tor, das direkt vor ihm stand, und beinahe noch größer geworden zu sein schien, genauer an - und es war ihm, als würde er dort drei Gesichter sehen...
Langsam legte er Leeana vorsichtig ab, dann schaute er noch genauer hin und kniff die Augen zusammen: Ja, da waren in der Tat drei Gesichter; ganz rechts von ihm war das Gesicht einer alter Frau, er konnte ihre Falten sehen, beinahe schon Runzeln, er konnte nicht sagen, wie viele Jahre sie bereits hinter sich hatte - vielleicht waren es schon Jahrhunderte? Doch dann schüttelte er den Kopf und bewegte ihn zu seiner linken Seite. Dort bemerte er das Gesicht einer weitaus jüngeren Frau, die ungefähr in seinem Alter zu sein schien. Auch, wenn sie äußerlich jung und hübsch war, so ahnte Merlin, dass auch sie auf eine mehrere jahrhunderte lange Existenz zurück blickte. Und schließlich hob sich sein Blick und weit über ihm, über ihnen allen, thronte ein Kindergesicht. Er musste schlucken, als er dies sah, und unweigerlich an Leeana denken musste, Auch, wenn diese älter war, als dieses Gesicht zu sein schien, so erinnerte es ihn an die Zeit, als er Leeana kennen gelernt hatte. Und auch ein wenig an Jade, die nun in ihrem damaligen Alter war...
Als Merlin an Jade dachte, durchfuhr ihn ein Stich. Er hatte für lange Zeit nicht mehr an seine Gefährten gedacht. Nicht, dass er sie vergessen hätte, zumindest nicht absichtlich, aber die Umstände ließen es nicht zu, großartig an sie zu denken. Doch nun wurde ihm erneut bewusst, dass er sie im Stich gelassen hatte, und vor allem gegenüber Arthur spürte er Schuldgefühle. Würde dieser ihm jemals verzeihen können, was er getan hatte? Und, was noch schlimmer war: würde er ihn überhaupt noch einmal wieder sehen? Er wusste es nicht, dennoch hatte er nun keine Zeit mehr, lange darüber nachzudenken, denn er musste weiter! Doch wie, wenn er hier anscheinend gefangen war? Und was hatten diese Gesichter mit alldem zu tun; denn dass sie etwas damit zu tun hatten, ahnte Merlin irgendwie...
Und dann folgte die Antwort. Bis jetzt hatten alle drei Gesichter ihre Augen geschlossen gehabt, doch während Merlin noch seinen Gedanken an die Vergangenheit nachhing, und über seinen Schuldgefühlen grübelte, öffneten sie diese allesamt mit einem Schlag. Merlin zuckte erneut zusammen, als er eine Macht durchfuhr, die er so noch nie gekannt hatte; er krümmte sich und fiel auf den Boden. Dann hörte er eine junge Stimme, die beinahe in seinem Kopf dröhnte: "Er ist hier, Mutter; wie ich es vorher gesehen habe, hat er die Gesetze der Zeit gebrochen und den Weg hierher gefunden - trotzdem wir alles getan haben, um ihn aufzuhalten..." Dann hörte er die Stimme einer alten Frau, die antwortete: "Ja, das hat er, Kind... Und du weißt, was das bedeutet. Vor allem, was SIE angeht..."
Merlin ahnte, von wem sie redeten. Langsam stand er wieder auf. Er sah sich die Gesichter erneut an. Dieses Mal war es keine Illusion, wie er sich zuvor vielleicht noch einzureden versucht hatte. Sie waren echt, und alle drei starrten auf ihn - und Leeana, die vor ihm lag. Merlin spannte jeden Muskel in seinem Körper an, er wusste plötzlich, dass diese Wesen, was auch immer sie waren, der Schlüssel zu Leeanas Wiedergeburt waren - oder dass sie zumindest etwas wussten, was ihn weiter bringen würde. Er musste ihre Seele finden, und es schaffen, diese dem Tod zu entreißen! Zumindest hatte er diesen Seelenverwahrer so verstanden.
Die älteste der Frauen sprach zu ihm, es war auch bei ihr so, als würde sie seine Gedanken kennen... "Ihr könnt die Vergangenheit nicht ändern, Zauberer! So weit reichen Eure Fähigkeiten nicht, dass Ihr die Toten einfach zurück holen könnt, wie Ihr es wollt! Geschehen ist geschehen! Sie ist für Euch gestorben, und dies wird ewig sein! Geht zurück! Kehrt dorthin zurück, von wo Ihr gekommen seid und lebt Euer Leben. Wenn Ihr Euch dazu bereit erklärt, könnt Ihr gehen - und Euch wird auf dem Rückweg nichts geschehen..."
Merlin wollte gerade antworten, als er eine dritte Stimme hörte, die eines kleinen Kindes: "Er wird nicht zurück kehren, Großmutter; nicht, bevor er seine selbstauferlegte Aufgabe erfüllt hat, so sinnlos sie auch ist", fügte es noch hinzu.
Merlin schaute hinauf und sah zu dem kleinen Mädchen, das ihn ebenfalls anstarrte. Ihr Blick war eher neugierig, und erstaunte ihn am meisten. Was wussten diese Wesen von ihm? Wer oder was waren sie? Und bevor er dazu kam, es zu fragen antwortete die junge Frau zu seiner Linken: "Wir sind die Zeitenwächter: Die Wächterin der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft! Unser aller Mutter ist die Wächterin der Vergangenheit, denn aus ihr entsteht die Gegenwart - und aus dieser die Zukunft! Ihr könnt nichts von alle dem verändern. Die Vergangenheit darf nicht verändert werden, denn dann zerstört Ihr alles, was bereits geschehen ist, jetzt geschieht und noch geschehen wird! Das Zeitengefüge ist stark verwundbar! Ihr wisst nicht, was die Zeit mit sich bringt, und gleich, ob es für Euch und Eure Freunde ins Positive oder ins Negative zeigt, Ihr seid nicht derjenige, der darüber entscheidet! Und Ihr wisst nicht, was Ihr auslöst, wenn Ihr es ändern würdet!"
Ihre Stimme war ruhig, aber Merlin hörte die Härte aus ihr heraus. Und er wusste, was sie damit bezweckte. Ja, in ihm war eine neue Idee heran gewachsen, als er begriffen hatte, mit wem er es hier zu tun hatte: die Wächterinnen über die Zeit? Er hatte die Idee bekommen, sich zurück versetzen zu lassen; zurück in den Kampf mit Morgana, den er bereits ausgestanden hatte! Wenn er diesen dieses Mal nicht verlieren, sondern gewinnen würde? Dann würde Leeana leben! Und selbst wenn nicht, dieses Mal würde er trotzdem alles daran setzen, diesen "Seelenverwahrer" davon abzuhalten, Leeanas Seele an seiner Statt mitzunehmen. Außerdem wäre Camelot eventuell nicht mehr in Gefahr, wenn er dieses Mal siegen würde!
Wieder unterbrach ihn eine Stimme, dieses Mal war es die der alten Frau - die Zeitenwächterin der Vergangenheit, wie sich Merlin erinnerte: "Nein! Ich sagte schon, die Vergangenheit ist nicht zu ändern! Ihr würdet auch dieses Mal sterben, und Leeana würde sich erneut opfern. Alles, was Ihr davon hättet, wäre ein ewiger Kreislauf, in dem Ihr, und alle anderen, die mit Euch sind, feststecken würdet - wollt Ihr das? WOLLT IHR DAS??" Ihre Stimme war kalt geworden, kalt wie der Stein, um sie herum.
Merlin schauderte, doch er hielt ihr stand: "Wenn es sein muss, dann ja! Ich würde eine Chance wahr nehmen! Ihr sagt, dass es keine andere Wahl gebe? Dass der Kampf immer nur auf die Art enden würde? Woher wisst Ihr das? Was wäre, wenn ich es beim nächsten Mal anders machen würde? Ich wüsste doch, wie ich kämpfen muss, um sie zu besiegen! Ich würde aus meinen vorigen Fehlern lernen, und irgendwann..." Wieder kam er nicht weiter, denn er hörte die alte Frau lachen: "Ihr denkt, Ihr würdet die Gelegenheit haben, Euch an die vorigen Kämpfe zu erinnern? Zauberer, wenn Ihr wieder in die Vergangenheit zurück kehren würdet, hättet Ihr die Erinnerung nicht mehr! Denn es ist niemals geschehen! Der Kampf hat niemals statt gefunden - und woher wisst Ihr von einem Kampf, den Ihr niemals ausgetragen habt? Davon ab, selbst wenn dies so wäre, hätte Eure Gegnerin ebenfalls die selbe Chance. Auch sie würde sich erinnern, und sie würde Euch ebenso besiegen, wie zuvor. Es ist vorbestimmt, was geschieht, Zauberer! Und habt Ihr schon einmal bedacht, dass auch der Tod des Mädchens einen Sinn ergeben könnte? Auch, wenn es Euch noch nicht sinnvoll erscheint?"
Merlin blickte allen dreien in die Gesichter. Er war wütend, und er wollte nicht hinnehmen, was sie ihm da sagten: "NEIN! Leeanas Tod macht für mich keinen Sinn! Sie war noch nicht an der Reihe! Sie ist für mich gestorben, und das werde ich nicht hinnehmen! So einfach ist das!" Dann blickte er der jüngsten in die Augen und sagte: "Ihr seid die Wächterin der Zukunft? Dann Sagt mir, wie ein Leben ohne Leeana für mich aussehen soll? Ich kann es nicht! Ich liebe dieses Mädchen, so, wie ich eine Schwester liebe, die ich nie hatte. Und ich kann es nicht ertragen; wenn es keine Hoffnung für sie gibt, dann kann ich auch nicht mehr leben - zumal ICH derjenige war, der eigentlich sterben sollte - und auch gestorben ist!"
Weiter wollte er nicht ausführen, was genau er meinte, doch das brauchte er auch gar nicht. Die Wächterin der Zukunft schloss die Augen und öffnete sie kurze Zeit später wieder. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Er war beinahe schockähnlich, und auch Merlin spürte ein merkwürdiges Gefühl in seiner Brust. "Was hast du gesehen, Kind?" fragte die junge Frau - es war die Wächterin der Gegenwart, wie sich Merlin in Erinnerung rief. "Schwärze.. Schauderhafte Schwärze..." flüsterte diese. "Ich weiß nicht genau, was es ist, aber etwas ist an diesem Mädchen, was für die Zukunft wichtig ist; beinahe so wichtig, wie der Zauberer... Nicht nur, was Eure Gefühle für sie angeht, wenn es nur das wäre, würde ich es nicht sagen; aber ich sehe, dass die Zukunft dieses Mädchen braucht. Ohne sie hat der Zauberer keine Chance..."
Es war Merlin zwar ein Rätsel, was dieses "Kind", denn äußerlich war sie eines, damit meinte, aber das war ihm auch egal. Fakt war, dass zumindest sie, sofern er ihre Worte richtig verstanden hatte, auf seiner Seite zu stehen schien. Dennoch ahnte er, dass es ohne das Einverständnis der anderen beiden nicht weiter gehen würde..
Die Wächterin der Gegenwart - in Gestalt des jungen Frauengesichts - blickte ihn ebenfalls an, dann sah auch sie zu Leeana herunter. Schließlich sprach auch sie: "Alles was ich fühlen kann ist, dass Ihr mehr für sie empfindet, als Ihr es zugebt, Zauberer! Vielleicht wisst Ihr es selbst noch nicht, oder wollt es Euch nicht eingestehen; dennoch ist es schon so, dass Ihr sie mehr liebt, als ein Mann seine "Schwester" lieben sollte... Was daraus einmal wird, kann nur mein Kind erkennen; doch ob sie es Euch erzählen wird, ist ihre Sache. Doch wenn Eure Gefühle Eure Taten leiten, dann ist das kein Grund für solch einen Akt, der Euch nun bevor steht. Dies alleine lässt es nicht zu, dass ich einwillige, Euch ziehen zu lassen! - Ich bin noch nicht fertig!" unterbrach sie mit schneidend kalter Stimme Merlins Einwand, den dieser gerade geben wollte, und er behielt ihn für sich. So fuhr sie fort: "Dennoch habe ich die Besorgnis meiner Tochter, die die Zukunft kennt, heraus gelesen, und in Anbetracht dessen, dass vielleicht sogar unser aller Existenz auf dem Spiel steht, würde ich Euch diese eine Chance gewähren, Wenn unsere Mutter einverstanden ist!"
Merlin starrte nun von der Wächterin der Gegenwart zu der alten Frau, die die Vergangenheit symbolisierte. Was würde diese sagen? Würde sie ihn in die Vergangenheit zurück schicken? Würde er die Chance bekommen, noch einmal den Kampf mit Morgana zu durchleben - um ihn gegebenenfalls dieses Mal zu gewinnen?
Die Wächterin der Vergangenheit antwortete ihm: "Ihr habt es immer noch nicht verstanden - Ihr werdet nicht zurück kehren, Zauberer! Egal wie ich entscheide, DIES ist keine Option! Ich kann nicht zulassen, dass das Zeitengefüge durcheinander gerät, also vergesst dies! Allerdings gibt es einen anderen Weg, und Ihr seid diesem schon sehr, sehr nahe. Also gut, ehrlich gesagt ist es mir egal, was genau Ihr für dieses Mädchen empfindet! Ich weiß, es ist Euch ans Herz gewachsen, ich habe Eure Vergangenheit miterlebt, wie Ihr sie getroffen habt und was Ihr bereits zusammen erlebt habt. Sicherlich hat das Euer Herz geöffnet für mehr Gefühle, als Ihr es selber ahnt. Doch das ist nicht der Grund, weshalb ich Euer Gesuch nun ernsthaft in Betracht ziehe, sondern, wie es auch mein Kind kund getan hat, die Tatsache, dass unser beider Kind, die Wächterin der Zukunft, eine schwarze Zeit vorhergesehen hat - und anscheinend spielt Eure Geliebte dabei eine entscheidende Rolle!"
Merlin wollte Einspruch erheben, doch die alte Frau ließ ihn nicht zu Wort kommen, sie sprach einfach weiter: "Also gut, es gibt eine Lösung, mit der ich - und ich spreche auch im Namen Tochter und deren Tochter - einverstanden bin: Ihr werdet in den Berg hinein gehen, den wir bewachen. Dort befinden sich Seelen - tausende von Seelen, die noch nicht vom Tod geholt worden sind. Normalerweise lassen wir es nicht zu, dass jemand eine für IHN bestimmte Seele zurück holt, auch dafür sind wir da; doch dieses eine Mal werden wir eine Ausnahme machen - doch Hört gut! - Es ist nicht so einfach, und dies ist auch gewollt! Ihr werdet alleine gehen; ein Wesen ohne Seele hat dort keinen Eintritt mehr! Zudem werdet Ihr auffallen, da Ihr der einzige seid, der noch Leben in sich hat; dies wird Wesen anziehen, die Euch die Seele rauben wollen. Ob es ihnen gelingt, kann nur die Tochter meiner Tochter sehen, doch sie wird sich bedeckt halten! Wenn es Euch gelingt, die Gefahren abzuwehren, die Euch dort begegnen und Ihr, aus den tausenden von Seelen, die Euch dort begegnen werden, DIE EINE heraus zu finden, und es dann auch noch schafft, hierher zurück zu kehren - dann könnt Ihr diese eine Seele Eurer Liebsten zurück geben; doch wie gesagt, es wird nicht einfach sein... Und was Ihr gegebenenfalls noch dafür geben müsst, nun, das werdet Ihr dann sehen. Ich wünsche Euch Glück!" Und dann schwieg sie.
Merlin musste kurz schlucken. Er fragte sich, ob er sich nicht verhört hatte: Hatten diese Wächterinnen ihm gerade die Erlaubnis erteilt, Leeanas Seele zurück zu holen? Doch dann fiel ihm etwas ein, das er beinahe überhört oder nicht verstanden hatte - und er fragte noch einmal nach: "Einen Moment! Sagtet Ihr, ich darf Leeana nicht mitnehmen? Wie stellt Ihr Euch das vor? Ich werde sie bestimmt nicht alleine hier lassen! Natürlich nehme ich sie mit!" Seine Stimme klang beinahe trotzig. Er hörte ein leises Lachen, das von allen drei Stimmen zu kommen schien. Dann sprachen alle drei zu ihm, es klang wie Eins: "Versucht es nur, Zauberer! Ihr werdet nicht weit kommen! Wir sagen es noch einmal: Der Berg der toten Seelen lässt keinen Körper ohne Seele hinein. Es ist nicht einmal gesagt, wie weit IHR kommen werdet! Wenn Ihr eine Chance haben wollt, ihre Seele zu finden, und sie ins Leben zurück zu bringen, dann nur alleine! Und was das andere angeht: Habt keine Angst, wir werden auf sie aufpassen; hier kann ihr nichts geschehen, sie steht unter unserer Obhut."
Merlin lachte kurz laut auf, obwohl ihm alles andere als zum Lachen zu Mute war, dann sagte er: "Ich habe es auch geschafft, hierher zu gelangen, obwhohl Ihr es vermutlich versucht habt, zu verhindern! Wieso meint Ihr, dass andere Wesen es nicht schaffen würden?"
Dieses Mal antwortete ihm das junge Mädchen: "Weil ich gespürt habe, dass Ihr wichtig für uns seid! Wir haben Euch gelassen, Zauberer! Allerdings legten meine Mutter und deren Mutter Wert darauf, dass es Euch nicht allzu leicht gefallen ist, hierher zu gelangen... Und nun geht! Das Tor steht offen! Ihr habt nicht mehr viel Zeit; wenn Ihr es schaffen wollt, dann lasst das Mädchen hier und wagt Euch in die Höhle der Seelen... Findet die richtige und kommt zurück, bevor ihre Zeit für immer abgelaufen ist..."
Merlin starrte sie an. Er begriff, dass sie es ernst meinten. Er würde Leeana hier zurück lassen müssen und dass gefiel ihm überhaupt nicht! Dann entschied er sich. Er musste es tun, jetzt!
Dennoch versuchte er es noch ein letztes Mal und fragte, an die jüngste der drei Zeitenwächterinnen gewandt: "Ihr könnt in die Zukunft sehen, werde ich es schaffen? Wird Leeana es schaffen? Bitte, sagt es mir!" Doch er erhielt keine Antwort mehr. Stattdessen öffnete sich plötzlich das Tor direkt vor ihm und die drei Frauengesichter wurden scheinbar auseinander gezogen...
Merlin schluckte. Er blickte auf Leeana herunter, die vor ihm lag, und plötzlich blitzte eine Idee in ihm auf. Er hob sie hoch und versuchte, trotz der Warnungen der Wächterinnen, mit ihr zusammen durch das Tor zu gehen, doch er konnte sich keinen Zentimeter von der Stelle rühren. Stattdessen sah er, wie sich das Tor langsam wieder schloss...
"Nein! Wartet - es tut mir leid!" bat er, beinahe flehend und ließ Leeana wieder auf den Boden herab. Das Tor öffnete sich wieder. "Danke", flüsterte er; dann blickte er noch einmal zu Leeana - und plötzlich erkannte er etwas, was er bis jetzt nicht einmal begriffen hatte: Er spürte ein Gefühl für Leeana in sich, das er zuvor nicht gekannt hatte: Wahre Liebe! Nicht die Liebe, die er sich bis jetzt eingeredet hatte, die er für Leeana empfinden würde. Vielleicht war es aber auch so, und er hatte bis jetzt, gerade eben, wirklich nicht mehr für sie empfunden als ein Bruder für seine Schwester empfand, doch jetzt hatte sich etwas geändert: Er liebte sie. Er liebte sie wirklich, und er wollte sein Leben mit ihr verbringen - natürlich wusste er nicht, ob sie dasselbe für ihn empfinden würde, und auch, wenn die Wächterin der Zukunft dies vielleicht auch gesehen hatte, sie würde es ihm nicht verraten. Das war ihm instinktiv klar. Doch nun war es auch erst einmal egal. Leeana lag leblos vor ihm und er hatte nur diese eine Chance, dies zu ändern. Und selbst, wenn er es schaffen sollte, wer wusste, was ER dafür würde geben müssen? Vielleicht erneut sein Leben? Vielleicht war es niemals vorherbestimmt, dass sie sich lieben konnten? Auch das wusste nur die Wächterin, und Merlin wusste, dass es nun an der Zeit war, zu gehen.
Doch bevor er los ging, in die ungewisse Zukunft, die nur die Wächterin eben dieser wissen konnte, kniete er sich noch ein mal neben Leeana, streichelte durch ihr Gesicht, ihre Wangen herunter, durch ihre Haare - dann beugte er sich zu ihr herunter und küsste sie, wie er sie zuvor noch nie geküsst hatte.
Es war ein liebevoller, langer und zärtlicher Kuss auf den Mund. Er spürte das Gefühl der Liebe, das ihn durchströmte, und er wollte nie wieder aufhören, doch dann spürte er noch etwas anderes: Durchdringende Blicke, die ihn durchbohrten. Und er wusste, wem sie gehörten. Leicht geschockt von sich selbst ließ er von Leeana ab und strich ihr noch einmal über die Wangen. dann stand er auf. Ohne noch einmal zurück zu schauen, lief er mit leicht wankenden Schritten auf das immer noch offene Tor zu. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er darin verschwunden war; dann war es soweit. Er hatte es passiert - und hinter ihm schloss sich das Tor wieder. Er war in der "Höhle der Seelen". Nun konnte er nur noch abwarten, was ihn hier erwarten würde. Alles, was er wusste war, dass seine nächste Aufgabe darin bestehen würde, aus allen Seelen, die hier wohl aufbewahrt wurden, Leeanas zu finden. Wie schwer würde das wohl sein? Er hatte keine Ahnung...

